Krisenkommunikation und neue Medien

Dräger Safety Austria lud am 20. September 2011 zu einem Expertentalk zum Thema “Krisenkommunikation und neue Medien” in die Niederösterreichische Landesfeuerwehrschule in Tulln. Der Fachdiskussion mit dem Publikum stellten sich der ehemalige Branddirektor von Wien, Dr. Friedrich Perner, der Chef des Landesführungsstabes der niederösterreichischen Feuerwehren, Landesfeuerwehrrat Ing. Richard Feischl und der Chefredakteur der Zeitschrift „Die Österreichische Feuerwehr“ sowie Betreiber der Seite https://www.facebook.com/feuerwehr, Mathias Syfert. Ing. Johann Karmel von Dräger moderierte die Veranstaltung.

Im Fokus der Diskussion stand die Frage, wie neue Medien wie Twitter, Facebook und Co. für die Kommunikation in Krisen- oder Katastrophenfällen genutzt werden können und ob seitens der Feuerwehren Bestrebungen dahingehend gibt.

Eingangs erläuterte Ing. Karmel, dass die Planung des Expertentalks mit der Tsunami-Katastrophe in Japan zusammen fiel, weshalb schnell ein Thema gefunden war. Mitten in die Vorbereitungen platzte in den USA die „Beinahe-Katastrophe“ des Hurricans „Irene“, die aber relativ glimpflich an New York vorbei zog. Hier kann man getrost von vorbildlicher Vorbereitung und Krisenkommunikation seitens der Behörden sprechen!

In Österreich würde in so einem Fall das „SKKM“, das „Staatliche Krisen- und Katastrophenmanagement“ aktiv werden. Die grundsätzlichen Ziele des SKKM sind einerseits die Früherkennung und die Warnung der Bevölkerung vor Gefahren und andererseits – wenn ein Schadensfall bereits eingetreten ist – die Schadensminimierung. Als Sammelstelle für Lagemeldungen sowie als Informationszentrale dient hierzu das „EKC“, das Einsatz- und Krisenkoordiantionscenter im Innenministerium in Wien. Dort besteht auch die Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit ein Callcenter hochzufahren, wo Betroffene oder deren Angehörige Informationen bekommen können.

An Ing. Feischl richtete sich die Frage, wie denn der Informationsfluss im Rahmen des SKKM funktioniere. Feischl erläuterte, dass im SKKM ein einheitliches Führungsverfahren von der Basis weg nach „oben“ hin erfolgt. Die Einsatzkräfte der Feuerwehren im Schadensraum leiten ihre Lagemeldungen an die Bezirksführungsstäbe weiter. Die jeweiligen Bezirke sammeln so Informationen aus ihrem Zuständigkeitsbereich zusammen und geben diese – wenn mehrere Bezirke oder ein ganzes Bundesland betroffen sind – an den Landesführungsstab der Feuerwehr weiter. Dieser Landesführungsstab der Feuerwehr tritt im Falle Niederösterreichs in der NÖ Landesfeuerwehrschule in Tulln zusammen – auch der behördliche Landesführungsstab Niederösterreichs würde im Falle einer landesweiten Krise in Tulln zusammentreten. Daraus resultiert der Vorteil, dass die beiden Führungsstäbe eng zusammenarbeiten können und dadurch die

Effizienz gesteigert wird. Des Weiteren besteht in Tulln die Möglichkeit, Pressekonferenzen abzuhalten und es sind Dolmetsch-Kabinen vorhanden, um beispielsweise bei einem Hochwasser an der March auch Slowakische Medien betreuen zu können. Durch den behördlichen Landesführungsstab erfolgt die Weiterleitung der Meldungen an das EKC im Innenministerium. Dort sitzen Vertreter von Einsatzorganisationen und Behörden zusammen und können koordiniert vorgehen und Einsatzkräfte aus anderen Bundesländern koordinieren oder auch im Rahmen der EU-Katastrophenhilfe aus dem Ausland anfordern. Die so zusammengetragenen Informationen können dann vom EKC an die Bevölkerung in den betroffenen Bereichen gezielt und vor allem koordiniert und gesichert weitergegeben werden – sei es über die Medien oder durch das schon angesprochene Callcenter.

Der Unterschied zu Gebieten außerhalb der EU ist jener, dass dort das Netz an Einsatzorganisationen nicht so dicht ist und daher erste Lagemeldungen oft von der Zivilbevölkerung kommen und somit nicht sofort verifiziert werden können. Durch die Verbreitung sozialer Netzwerke wie Facebook und Twitter aber auch die immer stärker wachsende Nutzung von Mobiltelefonen besteht hier die Gefahr, dass die Informationen nicht gesichert sind.

Dr. Perner ergänzte, dass auch in Wien durch die hohe Bevölkerungsdichte die Gefahr einer Panik besteht, sollte es zu Falschmeldungen in den neuen Medien kommen. Er wies darauf hin, dass die einzigen gesicherten und offiziellen Informationen das Radio und Fernsehen sind und im Notfall die Sirenen für die Warnung aktiviert werden.

Am Beispiel Fukushima führte er an, dass es aufgrund des dichten Netzes an Sensoren eine zeitgerechte Warnung der Bevölkerung möglich gewesen wäre – allerdings mahnte er auch, dass Disziplin und Eigenverantwortung der Bevölkerung gefordert sind! Kaum jemand verfüge über die erforderlichen Trinkwasser- oder Essensvorräte, um ein paar Tage zuhause über die Runden zu kommen, sollte es zum Vorbeiziehen einer Strahlenwolke kommen. Außerdem müsse sich die Bevölkerung, so Perner weiter, in einem weiträumigen Krisenfall von der gewohnten Sicherheit verabschieden, dass quasi auf Knopfdruck die Feuerwehr oder der Rettungsdienst parat stehen.

Die neuen Medien überschwemmen laut Mathias Seyfert die Welt – alleine in Österreich hat facebook.com rund 2,5 Mio. User; in Wien nutzen etwa 90% der Jugendlichen das soziale Netzwerk von Marc Zuckerberg!

Seiner Meinung nach sollten soziale Netzwerke zusätzlich zu etablierten Medien, wie Radio und Fernsehen in Krisenfällen eingesetzt werden. Dies sollte allerdings nicht in Wildwuchs-Manier erfolgen, wo jeder schreibt, was er will, sondern es sollte nur kontrollierte und gesicherte Information verbreitet werden. Als positives Beispiel nannte er die FEMA (Federal Emergency Management Agency http://www.fema.gov/) in den USA, die sehr aktiv bei der Nutzung neuer Medien ist. Diese liefern Informationen über Themen wie Selbstschutz und Bevorratung.

Die Chance, die Seyfert sieht, ist jene, dass sich nicht jeder User seine Informationen aktiv suchen muss, sondern, dass sie ihm dahin geliefert werden, wo er ohnedies „unterwegs“ ist – also dass er sie in seinen persönlichen Nachrichtenverlauf quasi serviert bekommt.

Auf die Frage aus dem Publikum, was denn bei einem großflächigen Stromausfall passieren würde, wenn nur neue Medien genutzt würden, antwortete Dr. Perner, dass die Stäbe sehr gut vorbereitet und versorgt wären – die Bevölkerung hingegen nicht: „Wer hat schon heutzutage noch ein

Kurbelradio zuhause?“ Bei einem länger-dauernden und großflächigen Stromausfall wäre die Bevölkerung größtenteils hilflos – und hier sollten nach Perners Meinung die Medien bei der Bewusstseinsbildung mitwirken!

Ing. Feischl erklärte, dass bei Katastrophen die Feuerwehrhäuser heute die ersten Anlaufstellen der Bevölkerung sind – weil die Leute in der EU allgemein und in Österreich im speziellen – den Einsatzorganisationen und Behörden vertrauen. Informationen und Nachrichten aus den Stäben, die den Überblick über die Gesamtlage haben, müssen seiner Meinung nach so rasch als möglich und vor allem verständlich an die Bevölkerung weitergegeben werden. Als sehr positives Beispiel nannte er hier das SMS-Service der Feuerwehr in Krems an der Donau: Bewohner aus Krems haben die Möglichkeit, ihre Mobiltelefonnummer registrieren zu lassen. Bei der Überschreitung einer bestimmten Marke der Pergel von Krems-Fluss bzw. Donau bekommen die registrierten Personen dann eine SMS und sind im Notfall vorgewarnt.

Dr. Perner zog für sich das Resümee, dass die neuen Medien ein sinnvoller Zusatz zu etablierten Medien sind – unter der Prämisse, dass das System bezüglich Stromversorgung und Sicherheit der Information sehr anfällig ist.

Ing. Feischl sieht große Aufgaben auf die Einsatzorganisationen und Behörden zukommen. Ihm schwebt eine „Präventions-App“ oder „Notfall-App“ vor, wo einerseits Informationen zum Selbstschutz und zu privaten Vorbereitungen für Notfälle angeboten werden, aber bei Eintreten eines Notfalls die Bevölkerung auch gewarnt und über Verhaltensmaßnahmen informiert werden kann: „Alle Behörden, Einsatzorganisationen und Netzbetreiber müssen hierzu an einem Strang ziehen!“ Mathias Seyfert regte abschließend an, dass die Homepage www.bundesfeuerwehrverband.at, die Zeitschrift und die Facebook-Seite des Österreichischen Bundesfeuerwehrverbandes als geeignetes Medium zur Informationsweitergabe zu den Feuerwehren und somit zur Bevölkerung dienen könnte: „Man muss die User dort abholen, wo sie sowieso surfen!“

1 Antwort

  1. 15. Oktober 2013

    […] meinem ersten Beitrag hier in Mike’s Blog möchte ich heute ein wenig über (m)ein neues Hobby […]

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